schuften und faulenzen

Foto: Ralph Hauswirth

Seit 2005 leuchten sie ins unterengadiner Tal bei Nairs: Fremd, Arbeit, Gast und Zimmer – vier Wörter, geformt von einer Reihe von Glühbirnen, die wie ein markantes vertikales Leuchtzeichen an einer Fahnenstange über dem Kulturhaus thronen. Die holländische Künstlerin und NAIRS-Stipendiatin Yeb Wiersma hat sie installiert. Je nach dem, in welcher Reihenfolge man die Wörter lesend zusammensetzt, ergeben sich unterschiedliche Wortpaare: Fremdarbeit und Gastzimmer. Oder Gastarbeit und Fremdzimmer.

Die Geschichte und Kultur des Engadins wurde nicht zuletzt durch diese vier Wörter maßgeblich mit geprägt. Sie beschreiben ein Spannungsfeld, welches von der Arbeit der Einheimischen für die Feriengäste, die in den Fremdenzimmern absteigen, über die Arbeit in der Fremde, die viele Engadiner im 19. und 20. Jahrhundert aus purer Not suchen mussten, bis hin zur Arbeit der Gast- und Saisonarbeiter auf der einen Seite, welche die engadiner Gastronomie am Laufen halten und neue Bauvorhaben umzusetzen helfen, oder bis zur „Erholungsarbeit“ der Touristen auf der anderen Seite reicht.

Arbeit ist das halbe Leben, sagt man so schön. Ist es aber wirklich nur die Hälfte? Oder noch die Hälfte? Und was wäre die andere Hälfte? – Arbeit umfasst viele Aspekte. Meist wird sie allerdings gleichgesetzt mit Erwerbsarbeit. Als solche steckt sie seit längerer Zeit schwer in der Krise: Es gibt nicht genug bezahlte Arbeit für alle. Diese Form der Arbeit geht uns offensichtlich immer mehr aus. Diametral demgegenüber stehen zunehmend unbezahlte oder schlecht bezahlte Arbeiten, ehrenamtliche Tätigkeiten, traditionell weibliche Arbeiten wie Pflege, Erziehung und Bildung, aber auch lähmendes Nichtstun oder luxuriöser Müßiggang und nicht zuletzt die künstlerische Arbeit. Und die Kluft zwischen beiden Polen scheint immer größer zu werden. Wie aber müssen wir Arbeit neu denken, um diese Kluft wieder zu überwinden?

Auch das Kulturzentrum und Künstlerhaus NAIRS bewegt sich seit seiner Gründung vor über 25 Jahren innerhalb dieses Konfliktfeldes. Jedes Jahr aufs Neue wird der Spagat geleistet, unter zunehmend erschwerten Bedingungen ein scheinbar so luxuriöses Gut wie Kulturarbeit, Kunst und arbeitsamer Müßiggang im Unterengadin zu ermöglichen und zu fördern und gleichzeitig auch ökonomisch zu überleben. Was bisher eher im Verborgenen als Triebfeder dafür wirkte, das soll dieses Jahr einmal ganz gezielt ans Licht geholt, sichtbar gemacht und auch in Frage gestellt werden. Einen Sommer lang wird NAIRS in einem Programm aus Filmvorführungen, Diskussionsveranstaltung und Kunstprojekten im öffentlichen Raum einigen Aspekten rund um diese Fragestellungen nachgehen: Warum arbeiten wir? Was ist Arbeit? Und was heißt es, nichts zu tun? Gibt es genug Arbeit für alle? Wozu ist Müßiggang gut? Wie funktioniert Erholung? Lohn für Arbeit oder Lohn um Arbeiten zu können? Und wie müsste die Arbeit der Zukunft aussehen?

Foto: Ralph Hauswirth

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